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31.03.2005 10:35 Uhr Fünf Beispiele für Hartz IV "Ich kann nur auf ein Wunder hoffen" Von zerplatzten Träumen, Existenzängsten und Fallmanagern, die keine Fälle managen. Von Doris Näger Vielleicht ist Renate Reinisch seine Vorzeige-Frau. Vielleicht ist sie diejenige, die Wolfgang Clement am besten gefällt. Und diejenige, die so manchen Hartz IV-Kritiker bändigt. Renate Reinisch ist 47 Jahre alt und Finanzberaterin, sie war fast zwei Jahre arbeitslos, nachdem eine große deutsche Bank sie auf die Straße gesetzt hatte. Und nun, kurz nach dem Start von Hartz IV, hat sie wieder einen Job. Und sie sagt: 'Vor drei, vier Jahren hätte ich so einen Vertrag nie im Leben unterschrieben.' Arbeitsplätze schafft das neue Gesetz nicht In all den Monaten, seit die Öffentlichkeit über Hartz IV diskutiert, galt es immer als Vorteil des Gesetzes, dass sich dadurch vielleicht so mancher animieren lässt, eine Arbeit anzunehmen, die er zuvor abgelehnt hätte. Wie viele das sind, sagt keine Statistik. Schlange stehen vor der Agentur für Arbeit. Foto: dpa Für die große Mehrzahl der Hartz IV-Betroffenen hat sich jedoch in den ersten drei Monaten nichts zum Besseren gewendet. Arbeitsplätze schafft das neue Gesetz nicht. Und die Betreuung hat sich auch noch nicht verbessert. Für jeden Menschen eine individuelle Lösung zu finden, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und einer breiten Masse Arbeit zu vermitteln - dazu braucht die Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung München (Arge), die die Paragrafen umsetzen soll, noch jede Menge Zeit. Die neuen Fallmanager ringen drei Monate nach dem Start mit der Auszahlung der Leistungen, mit der Umstrukturierung und vor allem mit der Software. Auf einmal war alles vorbei Renate Reinisch hat es sich zum Gespräch auf einem roten Ledersofa bequem gemacht. Über ihr hängen Gemälde in goldenen Rahmen. Auf dem Couch-Tisch stehen Liköre in Karaffen. Dass sie einmal bestens verdient hat, davon zeugen noch immer die edlen Möbel im Wohnzimmer. Sie war es gewohnt, Geld zu haben und Headhunter-Anrufe zu bekommen. 'Auf einmal war alles vorbei.' Management-Fortbildung, unbezahltes Praktikum in einem großen Unternehmen - alles nützte nichts. Einen Job ihrer Liga fand sie nicht. Als Hartz IV kam, beschloss sie, dass sich etwas ändern muss. Beim nächsten Angebot schlug sie zu. Jetzt baut sie für eine Vermögensverwaltung die Münchner Dependance auf - für weniger Geld als sie gewohnt war. Renate Reinisch also ließ sich von Hartz IV anspornen, ihre Ansprüche herunter zu schrauben. Das ist ein Verdienst des Gesetzes, aber nicht der Arbeitsgemeinschaft. Mit ihr machte Renate Reinisch eher schlechte Erfahrungen: Schon im Herbst 2004 beantragt sie das Arbeitslosengeld II. Sie weiß, dass sie damit zumindest einen Monat überbrücken muss, bevor ihr neuer Job beginnt: 'Das Ersparte ist nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit aufgebraucht.' Aussitzen, solange es geht Sie schickt ihren Antrag ins Amt, bekommt bis Dezember aber weder Rückmeldung noch Bescheid. Im Dezember geht sie persönlich zur Außenstelle Thalkirchnerstraße. Es heißt, ihr Antrag sei verloren gegangen. Sie sammelt alle Unterlagen noch einmal zusammen. Neue Vorsprache am 30. Dezember: Der Berater will den aktuellen Rückkaufswert einer Lebensversicherung wissen. Er drückt ihr alles in die Hand und bestellt sie erneut für die darauf folgende Woche. Vorsprache Anfang Januar: Den Ansprechpartner gibt es nicht mehr. Reinisch platzt der Kragen: 'Es kann mir niemand erzählen, dass der das nicht schon am 30. Dezember wusste.' Nicht krankenversichert, Telefon abgestellt Reinisch fährt ins Sozialbürgerhaus. Sie hört, dass man dort nur mit Termin vorsprechen darf. Von zuhause ruft sie an. Der Anrufbeantworter sagt: Die Ansprechpartnerin sei erst Ende des Monats wieder erreichbar. Reinisch ruft Ende des Monats an. Die Fallmanagerin sagt, es sei ein Riesenfehler passiert; es sei doch noch die Thalkirchnerstraße zuständig. Wegen dieses Tohuwabohus ist Renate Reinisch den ganzen Januar nicht krankenversichert. Zum Glück bekommt sie nur die Grippe. Sie borgt sich von Freunden Geld für Medikamente. Ihre Rechnungen kann sie nicht mehr bezahlen. Zwei Mal wird ihr das Telefon abgestellt. 'Ich hätte nie gedacht, dass das einen selber trifft, aber irgendwann geht das ganz schnell.' Anfang März bekommt Reinisch einen Brief: Sie möge doch alle Unterlagen erneut liefern. Einen Bescheid vermisst sie bis heute. Fortsetzung (Seite 1/5) 1 | 2 | 3 | 4 | 5 nächste Seite Artikel drucken Artikel empfehlen Kontakt zur Redaktion
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